Krankheitsbegriffe
   
Allgemeinmedizin - Akupunktur - Naturheilverfahren  
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Was ist Krankheit?

Jeder weiß, was Krankheit und Kranksein ist. Jeder kann beschreiben, was er darunter versteht. Wenn man dann die Erfahrungen zusammenträgt, die diesen Beschreibungen zugrunde liegen, kann man sehen, daß jeder etwas besonderes und so auch nicht jeder immer das gleiche darunter versteht. Man möchte also wohl das allen Sichtweisen Gemeinsame kennen. Außerdem weisen sich besondere Phänomene aus wie schwere oder weniger schwere Krankheit, die Phänomene des krank Werdens oder gesund Werdens, und die Pänomene, daß manche Menschen von diesen, andere von jenen Krankheiten betroffen werden, wieder andere vielleicht überhaupt nicht krank werden und vor Krankheit durch was auch immer geschützt zu sein scheinen, andere aber besonders ungeschützt. Daran zeigt sich, daß die Frage "Was ist Krankheit?" mehr Zündstoff und Rätsel enthält, als man dies zunächst meinen könnte. Es sei noch darauf hingewiesen, daß Krankheit auch historisch und regional unterschiedlich gesehen worden ist und gesehen wird.

Motto

Wir kennen aus der modernen Medizin, wie sehr das Wegmachen der Symtpome der "Krankheit ihren eigentlichen Stellenwert im humanen Leben genommen hat" (Hans-Georg Gadamer, 1986). Es ist deshalb mit Victor von Weizsäcker zu fragen: Was sagt die Krankheit dem Kranken, was will sie ihm sagen?

Funktioneller Krankheitsbegriff

Wenngleich es ein breites Spektrum in den Auffassungen von Krankheit gibt, hat sich heute ein funktioneller Krankheitsbegriff als gemeinsamer Nenner für die internationale Verständigung (WHO) als Bezugspunkt durchgesetzt. Dieser besagt, daß Kranksein bedeutet, Funktionen des Organismus zu entbehren und infolge dessen in seiner individuellen Entfaltung, im Verfolgen eigener Lebensinteressen und in der Teilhabe an sozialen Prozessen (Kommunikation, Arbeit, Fortpflanzung) mehr oder weniger behindert zu sein. Ein solcher heute konventioneller Krankheitsbegriff ist verständlich, hinreichend allgemein, um Raum zu lassen für einzelne und besondere Deutungen und doch auch sehr entschieden: Es ist eine wie auch immer geartete Abweichung eines bestimmten Grades von einem normalen Maß erforderlich, damit von Krankheit gesprochen werden kann.

Kybernetischer Krankheitsbegriff
Krankheit als parasitäres Regelsystem

Nach dieser konventionelen Auffassung von Krankheit gilt etwas, das wir vielleicht als "krank" empfinden mögen (Verschwenderischer Verbrauch von Recourcen unter Hinnahme von Umweltzerstörung; Förderung von Konkurrenz statt Gemeinsinn; Unterbewertung der Mutterschaft; Rauchen) dann nicht als Krankheit, wenn es zum "Normalen" gehört.

„Das... Phänomen der Krankheit ist etwas völlig anderes als die übliche Abweichung jedes Individuums von der Norm.

(1) Wollte man genaue Übereinstimmung mit der Norm als gesund und jede Abweichung als krank definieren, gäbe es kein gesundes Individuum. Es widerspräche dem darwinistischen Sinn des Normbegriffs, der einen Spielraum der empirischen Gestalten um die Norm fordert: die übliche empirische Streuung um die gesunde Norm ist gerade nicht Krankheit.

(2) Gesundheit definiert ein Verhalten eines Regelsystems gemäß einem durch die Forderung der Selbsterhaltung ausgezeichneten Sollwert. Krankheit erscheint als eine Störung dieses Regelsystems... Die Störung muß ein Mittelmaß einhalten. Ist sie zu klein, fällt sie nicht als Krankheit auf... Ist sie zu groß, so bringt sie... nicht Krankheit, sondern Tod.

(3) Dieses Mittelmaß muß die Krankheit ferner eine gewisse Zeitdauer hindurch innehalten... Die Krankheit muß also eine gewisse Selbsterhaltung als eben diese Krankheit zeigen. Sie scheint also selbst etwas wie ein Regelsystem vorauszusetzen, durch das sie aufrechterhalten wird. Krankheit erscheint wie ein parasitäres Regelsystem innerhalb eines größeren Regelsystems, das wir Organismus nennen.“

Der Gesichtspunkt einer Funktionsstörung, die in einem causalen Kontext der rkankheit steht, tritt zurück hinter dem einer parasitären Funktion, die innerhalb eines Organismus und mit dessen Sollen mehr oder weniger oder zumindest auf lang oder kurz vereinbar ihre eigene Selbsterhaltung bewirkt. In der parasitären Regel liegt das Augenmerk auch auf einem Nebensinn, den die Krankheit innerhalb eines Organismus realisiert und damit auf eine finale Deutung von Krankheit: Krankheit als Abirrung auf der Bahn der Evolution, als gescheiterte Mutation. Die Frage an die je einzelne Krankheit liegt dann nah: wohin hätte ihre Entwicklung gehen sollen.

In vielen Therapierichtungen kann diese Sicht auf die Störung als parasitäre Regel bestätigt werden. So liegt im psychoanalytischen Theorem der Sublimation die Vorstellung einer gelungenen Umwandlung, in der das Regelsystem integriert beibt, in der Neurose kann es dies integration nur noch durch parasitäres Sollen leisten, in den Psychosen fällt die parasitäre Regel heraus, die intakt urteilende Person dankt vor den dissipativen Strukturen ab. 

Krankheitsbegriff der TCM

Krankheit besteht dort, wo der regelrechte Strom der Lebensenergie blockiert ist. Dies ist in einem Wort die Essenz der Krankheitsdefinition in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM).

Dieses frühe Modell einer "energetischen" Medizin, - wobei hier erst einmal offen bleiben soll, was unter "energetisch" bzw "Lebensenergie" eigentlich zu verstehen ist - sieht Hemmnisse, Blockaden oder "pathologische Faktoren", die im Effekt eine Schwächung (chin: xu, lateinisch: inanitas) der (orthograden, normalen) Lebensprozesse bewirken. Ein von solchen Störungen betroffener Mensch bedarf einer Unterstützung (chin: bu, lateinisch suppletio), um gesund zu bleiben. Bleibt diese aus, kann eine Ablenkung, Abspaltung oder Abdrängung des (normalen) Lebensprozesses eintreten. Krankheit wird daraus dann, wenn diese Abweichung energetisch "aufgeladen" wird (Porkert/Hempen, Systematische Akupunktur). Diese energetisch geladene Abweichung erfüllt dann den Tatbestand der Krankheit in der TCM (chin: shi, lateinisch repletio).

China und der Westen

Diese Medizin (TCM) sieht den Menschen  - ähnlich wie auch in anderen alten medizinischen Überlieferungen - unter dem Einfluß von ihm wohlwollenden oder übelwollenden Umweltkräften stehen, die auch als kosmische Kräfte gedeutet werden. Diese Aufgehobenheit des Menschen in einer ihn einhüllenden außerweltlichen Umwelt fasziniert uns heute ein Stück weit. Sie läßt eine Ganzheit denken, in die der Mensch sich einfinden kann durch Tugenden der Aufmerksamkeit, Demut, Hingabe und Ehrfurcht. Er kann in Harmonie kommen mit dem All. Eine solche Aufgehobenheit des Menschen erscheint uns heute oft spirituell ansprechender als die harte Schule der westlichen materialistischen Weltauffassung mit ihren oft kalten Zwecksetzungen und ihrer Tendenz zur Aushöhlung und Manipulation von Leben und Gemeinschaften. Die Sehnsucht des Menschen findet in den traditionellen einhüllenden Um- und Überwelten einen attraktiven Kontrast zu dieser Gegenwart und knüpft daran die Erwartung, eine demütige Haltung zu finden, die dem Leben dient, indem sie mit dem Leben und seinem Kräfteumkreis in Harmonie tritt.

Die traditionellen Krankheitslehren sehen den Menschen in ihrer harmonischen, das heißt seinsgerechten Bindung an die Umwelt gesund oder krank werden und vertreten damit eine Lehre, in der Gesundheit eine Anpassungsleistung ist, etwas, was wir heute bei Vorbeugung oft als leisen Nebensinn mit meinen würden. Warum werden die Menschen nicht mehr so alt wie früher? Qi Bo, der Gelehrte des legendären gelben Kaisers, antwortete darauf: "Früher verstanden die Menschen das Zuträgliche, sie standen mit der Sonne auf, legten sich zur Dunkelheit ins Bett, sie paßten sich den Gegebnheiten des Weteres und den Jahreszeiten an, sie aßen und tranken im Maßen und waren in der Lage, die Zeichen der Natur zu lesen. Heute jedoch haben die Menschen das Maß verloren" (Aus: "Der gelbe Kaiser"). Das klingt, als wäre es heute gesagt.

Integration und Differenz der Denkmodelle

Die moderne Rezeption der TCM in China steht zwischen eigener Tradition und einem neuen, durch westliches Interesse an dieser Tradition akzentuierten Blick. Sie scheint in der Begegnung von moderner Wissenschaft und traditionellem Wissen eine spezifische Dynamik zu entfalten. Im Ergebnis dürfte aus westlicher Sicht besonders spannend sein, ob die Begriffe der traditionellen Lehre mit wissenschaftlichen Diagnosen der modernen Medizin in Deckung gebracht werden können. Sind die physikalischen Gründe und die psychologischen Deskriptionen von Krankheitszuständen im Westen mit dem energiemedizischen Krankheitskonzept der TCM zur Deckung zu bringen und mit welchen Einschränkungen?

Die Deutung der Ganzheit, Einbindung und Harmonie und der Beziehung des Menschen zum Kosmos ist über die Jahrtausende in einem umfangreichen Schrifttum erörtert worden, vor dem wir mit Respekt zurücktreten wollen. Aus unserer wissenschaftlichen Perspektive jedoch verliert sich die Krankheitslehre der TCM und vieler anderer traditionellen Medizinlehren in der Spekulation. Manche sagen auch, sie sei in den östlichen Religionen verhaftet und damit gebunden. Man muß aber der TCM zuerkennen, daß sie einige Merkmale wissenschaftlicher Systeme aufweist. Diese Merkmale (Rudimentäre axiomatische Theorie, Festlegung möglicher Gegenstände, Regeln der Anwendung und der empirischen Falsifikation) zwingen auch zu der theoretischen Annahme, daß die TCM ein lernfähiges System ist und daß sie sich daher weiterentwickeln kann, was sie historisch ja auch getan hat. Insofern sind die Deutungen für Gegenstände wie Energie (Qi), Geist (Shen) oder Blut (Xue) vielleicht am Ende doch nicht nur spekulativ, sondern funktionieren auch heuristisch. So haben sich ja inzwischen in der westlichen Medizin einige - bis dato unbekannte - anatomische und physiologischen Gegebenheiten herausgestellt (Anatomie des Akupunkturpunktes, Neurotransmitterfreisetzung unter spezifischer Akupunktur, Analyse chinesischer Kräuter nach Inhaltsstoffen), so daß einige grundlegende Aussagen der TCM in der westlichen Wissenschaft bestätigt und nachvollzogen werden können.

Geläufiges über Leib, Seele und Geist

An drei Aussagen, die im Denken der Menschen geläufig waren und Geltung gehabt hatten oder noch haben, kann man sehen, daß die Alten und auch wir unter Organen mehr verstehen als das, was auf dem Seziertisch nach dem Tode übrig bleibt. Wenn wir über Organe urteilen, so urteilen wir in Bezug auf den ganzen Menschen. Hier die drei Aussagen. 1) "Das Herz ist der Sitz der Seele": Dies war die Standardauffassung in der Medizin des 19. Jh. in Europa. Demgemäß war es damals undenkbar, daß das Herz organisch krank sein und behandelt hätte werden können. Inzwischen sind aber Operationen am Herzen und Herztransplantationen etabliert. 2) "Das Herz ist der Sitz des Geistes". Dies ist die Lehre der TCM: shen. Sie kontrastiert mit 3) "Das Gehirn ist der Sitz des Geistes". Dies ist unsere Auffassung und die der Medizin des 20. Jh, die im Hirntod das Kriterium für denjenigen Tod sehen will, von dem an eine Entnahme von Organen zu Tranplantationszwecken erlaubt sein soll. Dieser Satz ist mit einer Frage von Laudan auf die Spitze getrieben worden: "Angenommen: Person A habe eine Verletzung seines Hirnes (a). Es werde dieses Hinrn (a) durch ein Hirn (b) von einer Person B ersetzt, die an einer Erkrankung ohne Übergreifen auf dessen Gehirn (b) verstorben ist. (Einschub: Man sieht: diese Transplantation wäre heute weder technisch noch moralisch (fehlender Hirntod) möglich. aber:). Welche Identität hätte die durch diese Transplantation entstandene Person A mit dem Gehirn (b)? Ist über die Identität dieser Person gesichert, daß sie sich als A oder nicht vielmehr als B definieren würde?).

Solche pneumato-psycho-somatischen Spekulationen zeigen, wie gesagt, daß wir wissenschaftliche Begriffe vom Menschen spätestens an der Grenze zur Umgangssprache und zu alltäglichen Interessen auf die Ganzheit des Menschen hin deuten und verwenden. Und so ist auch die Freude an der Möglichkeit, Kranke zu heilen, selbst dem wissenschaftlichen Arzt nicht verwehrt.

 

 

Carl Friedrich von Weizsäcker, Modelle des Gesunden und Kranken, in: die Einheit der Natur s. 327,8, Ffm 1982 3.A.

Mt. 25,37, Nach: Gebetbuch der Mutter Teresa, Freiburg 1999

 Lukas 10.25-37